Jelena Pecic

Fotografie: Kenneth Nguyen

 

Wo kommen unsere Weihnachtsbäume her?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Sie es Bernt Johan Collet zu verdanken haben, wenn eine schöne Nordmanntanne Ihr Wohnzimmer an Weihnachten schmückt. Denn der 76-jährige Däne leitet eine der größten Weihnachtsbaum-Produktionen Europas. Die Vorfreude auf Weihnachten lässt uns Kopenhagen in Richtung Süden verlassen, um herauszufinden, wo unsere Weihnachtsbäume eigentlich genau herkommen. Begleiten Sie uns nach Lundby. 

Alle Jahre wieder...

Wir erreichen den Sitz der Firma Collet im Morgengrauen und sind sofort in den Bann des Anwesens aus dem 14. Jahrhundert gezogen. Still und majestätisch steht es vor uns und könnte auch das Motiv einer Postkarte sein. Nachdem wir die Klingel betätigen, öffnet sich das Tor und wir fahren über den sanft knirschenden Kies zum Haus hinauf. Geschäftsführer Bernt Johan Collet wartet bereits gut gelaunt in Regenjacke und Gummistiefeln, bereit, direkt aufs Feld zu fahren, bevor der Regen einsetzt. Wir lassen ihn ans Steuer unseres Range Rover Evoque, denn keiner kennt sich hier so gut aus wie der Mann, der den Betrieb vor 49 Jahren von seinem Vater übernahm.

Seit 1953 baut die Familie Collet den beliebtesten Weihnachtsbaum der Europäer an: die Nordmanntanne. Damals verkaufte Harald Collet rund eintausend Bäume pro Jahr, das war viel für diese Zeit. Heute verkauft sein Sohn Bernt Johan fast eine Million Tannen – auch pro Jahr.

Seine gute Laune ist ansteckend und auf der Fahrt sprudelt er nur so vor Geschichten über das kleine Reich, in das wir heute eintauchen. Bernt Johan, dessen Familie norwegischen Ursprungs ist, war bereits Dänischer Verteidigungsminister und arbeitete in der Computer-Branche in den USA. Für den gelernten Diplomkaufmann war aber schon immer klar, dass er, als ältester Sohn der Familie, eines Tages das Gut übernehmen wird, das schon seit 1825 in Familienbesitz ist.

O Tannenbaum…

Aus der überschaubaren Weihnachtsbaum-Produktion seines Vaters machte er über die Jahre ein erfolgreiches Unternehmen. Denn Collet steht nicht nur für den Anbau von Bäumen, es hat sich auch zu einer Vertriebsgesellschaft entwickelt. Jedes Jahr werden 600.000 Bäume gepflanzt und geerntet. Aber durch die Vertriebsgesellschaft werden zusätzliche Bäume von kleineren Anbietern gekauft und weiter verfrachtet, da diesen kleinen Betrieben die nötige Infrastruktur fehlt. So verlassen alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit fast eine Million Bäume das Gut von Bernt Johan Collet.

Doch wie hat er es geschafft, das überschaubare Hofgut zu einem über die Grenzen Europas agierenden Unternehmen zu entwickeln? „Man muss ein Gefühl dafür haben, wie sich der Markt entwickelt. Damals gab es entzückende kleine Höfe und die Landwirte selbst haben in Stadtzentren einige hundert Bäume pro Jahr verkauft.Das kann sich heute aufgrund steigender Mietpreise leider keiner mehr leisten. Große Einzelhandelsketten, wie z.B. Bauhaus, sind inzwischen Hauptverkäufer von Weihnachtsbäumen. Für diese ist es rein logistisch unmöglich, mit fünfhundert kleinen Anbietern von Weihnachtsbäumen zu arbeiten. Und hier kommen wir ins Spiel.“

Dafür hat Bernt Johan eine gute Infrastruktur für ein traditionelles Gewerbe geschaffen: Bestellvorgang und Rechnungsstellung sind automatisiert und in Kooperation mit einer großen Spedition stellt er eine reibungslose Auslieferung sicher. Ein Aufwand, dem ein kleiner Betrieb nicht nachkommen könnte. Außerdem hat Bernt Johan Anbauprozesse optimiert. So nutzt er beispielsweise zum Einpflanzen Maschinen, die mit GPS-Technologie arbeiten, um die Bäume präzise zu positionieren, damit jeder einzelne genug Platz hat und kein Raum verschwendet wird.

Das alles mag im ersten Moment das romantische Bild zerstören, das man vom Gewerbe mit der beliebtesten Weihnachtstradition hat, doch es ermöglicht auch kleinen Betrieben ihre wenigen hundert Bäume jedes Jahr auf den europäischen Markt zu bringen, ohne an der nötigen Infrastruktur zu scheitern. Fast alle Bäume, die Collet verlassen, werden in 17 europäische Länder exportiert, darunter Deutschland, Norditalien, Spanien, England, Tschechien und Polen. Und obwohl Bernt Johan Geschäftsmann ist, spürt man, wie viel Herzblut er in seinen Betriebt steckt. 

…wie grün sind deine Blätter

Das Leben eines Weihnachtsbaumes, bis er es in unsere Wohnzimmer schafft, ist lang. Es dauert zwölf Jahre, von der Aussaat bis zum Verkauf. Die ersten vier verbringt er in der Aufzuchtstation, dann weitere acht auf dem Feld. Jedes Jahr, wenn Weihnachten näher rückt, bekommt das normalerweise 20 Mann starke Team Unterstützung von 250 weiteren Mitarbeitern, die bei Regen, Wind und Sonne die Stellung auf dem Feld halten, damit wir am Ende die Auswahl zwischen den schönsten Tannen haben.

Vor ca. 60 Jahren fand die ursprünglich aus dem Kaukasus stammende Nordmanntanne ihren Weg nach Süddänemark, wo beste Wachstumsbedingungen herrschen. Die Region ist fast komplett vom Meer umgeben, was für mildes Klima sorgt und die Frostgefahr minimiert.

Auf dem Feld ist die Nordmanntanne ein vergleichsweise pflegeleichtes Gewächs. Dank ihrer langen Wurzeln und dem wasserreichen Boden, muss Bernt Johan die Bäume nicht wässern und Kosten für Pestizide oder Dünger fallen nicht an. Dennoch geht er jeden Tag aufs Feld und schaut nach dem Rechten, denn was die Bäume brauchen, ist viel Zeit und Handarbeit. Um ein schönes aussehen zu garantieren, werden immer wieder einzelne Äste gestutzt oder Spitzen geradegebogen. Das erfordert intensive Auseinandersetzung mit jedem einzelnen Baum.

Während wir durch das Feld der scheinbar unzähligen Weihnachtsbäume streifen – auf 750 Hektaren wachsen zwischen fünf und sechs Millionen Bäume – fällt uns die Entscheidung für einen Baum schwer. Bis uns Bernt Johan zeigt, worauf es ankommt: regelmäßige Abstände zwischen den üppigen Ästen, eine gleichmäßig nach unten breiter werdende Form und eine proportional lange Spitze, die nicht zu hoch ragt. Unser Favorit wird nach dem Fällen direkt auf dem Feld eingenetzt und aufgrund seiner Größe kreativ in unserem Evoque verstaut – der zum Glück ein Cabrio ist. Die Auswahl seines eigenen Baumes überlässt Bernt Johan übrigens jedes Jahr seinen Mitarbeitern, denn sie wissen ganz genau, was gut ist. 

Artikel im The Land Rover Club lesen

Using Format