Jelena Pecic

Fotografie: Evelyn Dragan

 

Atelierbesuch bei Produktdesigner Sebastian Herkner

Spätestens seit Sebastian Herkner 2011 den German Design Award als Best Newcomer erhalten hat, ist er ein Name, den man nicht nur in der Design-Szene kennt. Nach seinem Produktdesign-Studium an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main entschied er sich, dort auch sein Atelier zu gründen. Wir haben ihm einen Besuch abgestattet. 

Hatten Sie schon früh ein Faible für Möbel?

In der Schule war Bildhauerei, Malerei und Architektur Lehrstoff, aber nicht Design. Mit 16 Jahren habe ich dann durch Museumsbesuche den Beruf des Produktdesigners kennengelernt. Und da ich auf dem Land aufgewachsen bin, war es ganz normal, von den Eltern ein gewisses handwerkliches Geschick mitzubekommen. Also, ja.


Was zeichnet Ihre Objekte aus?

Ich glaube, das Schicksal meines Studienortes Offenbach hat meine Objekte sehr geformt. Früher gab es dort 50 Ledermanufakturen, heute sind es zwei. Das Anliegen, gegen den Verlust von Tradition, Handwerk und Qualität anzukämpfen, spiegelt sich in meiner Arbeit wieder. Der Bell Table, mit dem alles angefangen hat, vereint zwei traditionelle Materialien und Handwerke. Als ich ihn entwarf, waren Glas und Messing nicht en vogue, überall sah man Kunststoff. Ich fand es spannend, gegen den Strom zu schwimmen. 


Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?

Ich will es dem Betrachter nicht leicht machen, sonst schaut er nur kurz hin und vergisst das Produkt gleich wieder. Ecken die Produkte an, muss der Betrachter sich aber damit auseinandersetzen. Außerdem arbeite ich sehr viel mit Material-und Farbcollagen, was für deutsches Design eher untypisch ist. 


Worauf legen Sie bei der Produktion Ihrer Objekte großen Wert? 

Mit am wichtigsten ist für mich, die Leute zu besuchen, die meine Designs tatsächlich produzieren. Der Glasfuß des Bell Table wird bei Poschinger in Bayern hergestellt, eine 400 Jahre alte Manufaktur, die immer noch in Familienbesitz ist. Ich arbeite bewusst mit Herstellern zusammen, die vor Ort produzieren und nicht nur Wert auf Qualität, sondern auch auf die Materialbeschaffenheit und -eigenschaften legen. Wir werden immer mehr verschlungen von der digitalen Welt, deshalb wird die Greifbarkeit von Produkten immer wichtiger. Die Menschen wollen neben Qualität auch etwas kaufen, was im Laufe der Zeit an Charme gewinnt. Nehmen wir zum Beispiel einen Jaguar-Fahrer: Natürlich will er, dass die Maschine perfekt läuft und der Lack makellos ist. Aber gleichzeitig will er auch die Optik und das Gefühl von handgenähten Ledersitzen mit dekorativen Stickereien. 


Sie beschreiben Ihre Arbeit als eine Verbindung von neuen Technologien und klassischem Handwerk. 

Ich rede sehr viel über das Handwerk, das heißt aber nicht, dass ich besessen bin von Tradition. Es bedeutet vielmehr, die beste neue Technologie zu finden, um etwas Traditionelles zu produzieren, präzise und trotzdem so kostengünstig wie möglich. Für die Porzellanmanufaktur Rosenthal zum Beispiel benutzen wir manchmal 3D-Drucker, um Modelle umzusetzen, die schon seit Jahrhunderten von Hand gemacht werden. Wir wollen Wegbegleiter produzieren, die schön und langlebig sind. 


Was machen Sie, wenn Sie keine Möbel designen? 

Ich habe keinen Nine-to-five-Job. Auch in meiner Freizeit denke ich sehr viel über die Arbeit nach, vor allem, wenn mich etwas inspiriert. Mir darf nie langweilig sein, ich brauche ständig Abwechslung. Ich gehe viel in Museen und treffe mich mit Freunden, sooft ich kann. 


Was inspiriert Sie?

Ich reise in Länder, die ich ohne meinen Beruf nie gesehen hätte, zum Beispiel Simbabwe. Dort habe ich zwei Wochen lang mit 20 Frauen zusammen Körbe gemacht und gemerkt, was wirklich wichtig ist: Zufriedenheit, Gelassenheit und Freude. In Holland habe ich erfahren, dass in alteingesessenen Restaurants Perserteppiche als Tischdecken verwendet werden. Das ist noch ein Überbleibsel aus Kolonialzeiten, als man Teppiche zu prachtvoll fand, um sie auf den Boden zu legen. Inspiration ist überall! 


Hat der Erfolg Sie verändert? 

Bei der Arbeit als Freelancer habe ich gemerkt, dass ich wirklich liebe, was ich mache. Dadurch wurde ich selbstbewusster. Und ich mache mir keine Sorgen mehr, frei vor 400 Leuten zu sprechen. 


Interessieren Sie sich für Autodesign? 

Ja! Ein Wagen wird meist durch sein Aussehen oder die Motorleistung charakterisiert. Mich interessiert mehr die Innenausstattung. Sie hat sich in den letzten Jahren stark verändert und musste sich an die Digitalisierung anpassen. Schnittstellen zum Smartphone sind inzwischen Standard. Außerdem muss man am Steuer komfortabel auf alle Extras zugreifen können, egal ob es die Bedienung für den Massagesitz ist oder der Autohimmel mit LED-Beleuchtung. Das Fahrerlebnis wird immer wichtig bleiben, aber der Trend geht fast schon zu einem zweiten Zuhause im Wagen. 


Stichwort Jaguar Design: Welches Modell sagt Ihnen besonders zu?

Wie viele Menschen, bin ich großer Fan von den alten Klassikern. Aber ich finde, auf Funktionalität sollte man nicht verzichten. Man kennt das inzwischen von Möbeln. Alle wollen einen Eames Chair, obwohl ein moderner Schreibtischstuhl viel bequemer ist. Für mich ist es Alltag, ständig neue Dinge zu produzieren, die darauf ausgelegt sind, neben Qualität auch Komfort zu bieten. Deshalb würde ich mich bewusst für einen modernen Wagen entscheiden, am liebsten den F-TYPE. Ich finde es zeitgemäßer, mich an zukunftsweisenden Ideen zu orientieren. Das Gleiche mache ich schließlich mit meinem Produktdesign. Auch wenn ich nicht ‚nein’ sagen würde zu einem alten E-TYPE als Zweitwagen.


Sie haben in Offenbach am Main studiert und anschließend Ihr Designbüro hier eröffnet. Warum haben Sie sich gegen Städte wie Berlin oder München entschieden?

Ich bin bewusst in Offenbach geblieben. Hier, und dazu zähle ich auch Frankfurt, kann ich alles mit dem Fahrrad erledigen. Museumskultur und Verkehrsanbindung sind unschlagbar, und meine Freunde leben hier. Die Stadt ist einfach spannend - nicht besonders schön, aber ich fühle mich hier sehr wohl, weil es so multikulturell und immer im Wandel ist. 


Sie halten gelegentlich Vorlesungen an internationalen Hochschulen. Was bringen Sie Ihren Studenten bei? 

Egal, wo man ist, man muss seine eigene Sprache, Philosophie oder Haltung in seinem Design entwickeln. Ich rate den Studenten, zunächst in der eigenen Region zu schauen: Welche typischen Materialien und Handwerke gibt es? Kann man diese neu interpretieren? Es geht nicht nur um große Namen, auch mittelständische Unternehmen können interessant sein. Ich arbeite seit drei Jahren mit Kaufmann Keramik in Nordbayern zusammen, einem traditionellen Hersteller, der Lust auf eine Neuinterpretation seiner Produkte hatte. 


Teilen Sie auch persönliche Erfahrungen mit den Studenten?

Ja, immer. Manchmal ist es sehr ernüchternd für die Studenten, aber es ist wichtig. Ich zum Beispiel habe im Studium nie so richtig mitbekommen, dass man nicht nur gestaltet, sondern die Hälfte der Woche mit Büromanagement und ähnlichem verbringt.  


Wieso entscheiden sich Menschen für Ihre Möbel? 

Ich glaube einfach, weil sie sie mögen. Manchmal bekomme ich mit, dass jemand auf ein ganz bestimmtes Stück spart. Andere kriegen sie zu einem besonderen Anlass geschenkt. Eine Frau hat zur Geburt ihres Kindes den Bell Table von ihrem Mann bekommen. Ich weiß oft gar nicht, wo meine Möbel stehen, deshalb ist es sehr schön, wenn ich sie entdecke. Mit dem Bell Table und der Leuchte Oda ist es extrem, die findet man inzwischen überall – in einer Jimmy Choo Boutique, einem Steigenberger Hotel oder auf einer privaten Yacht. Instagram ist super, um zu sehen, wie die Leute sie mit anderen Möbeln kombinieren, man muss nur nach dem Hashtag #Belltable suchen.

Artikel im Jaguar Owners Club lesen

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