Jelena Pecic

Fotografie: Stephanie Fuessenich

 

Die Sprache des Handwerks

Die Werkstatt eines Glasbläsers ist normalerweise ein karger und schmuckloser Ort. Da gibt es den gemauerten und alles beherrschenden Schmelzofen, in dem 1200 Grad toben. Dann noch Tauchbecken, Tische und ein paar Werkzeuge. Ganz anders präsentiert sich das Atelier Le Four im 12. Arrondissement in Paris, wo Glasbläser Jeremy Maxwell Wintrebert seine Meisterwerke kreiert.

So wie sein Atelier nicht ins Bild einer klassischen Glasbläserei passt, sind es allein die Schwielen und kleinen Brandblasen an Jeremys Händen, die einen Hinweis auf seinen Beruf geben. Es ist eine Welt der Kontraste, in der er arbeitet. Einerseits gnadenlose Hitze und enormer Körpereinsatz, um das Gewicht am anderen Ende des Blasrohres zu stemmen. Andererseits die weiche, lebendig anmutende Glasmasse und das filigrane Endprodukt.

Jeremy bei seiner Tätigkeit zu beobachten, ist ein intensives Erlebnis. Er bewegt sich wie ein Tänzer, jede Bewegung muss stimmen. Anders als traditionelle Glasbläser, arbeitet er nicht mit Gussformen, sondern Freihand. Das heißt, er ist ganz auf seine Augen-Hand-Koordination angewiesen. „Man muss präzise Entscheidungen im richtigen Moment treffen“ sagt Jeremy,„um das flüssige Material im richtigen Moment zu stoppen. Nur so bekommt es die Form, die man will. Das heiße Glas verlangt Respekt. Gleichzeitig muss man eine mentale Grenze überschreiten, die den Körper davon abhält, sich dieser unerträglichen Hitze zu nähern.“

Jeremy hat einmal jungen Glasbläsern einen Rat gegeben: In der Kunst-und Designwelt ist es ein zusätzlicher Wert, wenn hinter den Werken eine Geschichte steht. Was also ist seine Geschichte? Er weiß nicht so recht, wo er beginnen soll. „Da gibt es so viel“, setzt er an - und denkt vermutlich an seine Kindheit in Afrika, den schweren Autounfall, der Auslöser für seine Karriere war und sein Leben in den USA.

Seine Arbeit zu kategorisieren fällt schwer. Mal wird er Glas-Künstler, mal Designer, mal Glasbläser genannt. Er selbst sieht sich aber vor allem als Handwerker, weil er sich durch die Arbeit mit seinen Händen ausdrückt. Das Handwerk gewinnt derzeit wieder mehr an Popularität.Vor allem, wenn es mit einem künstlerischen Aspekt verbunden ist. Jeremy war einer der Ersten in Frankreich, der es schaffte, das Handwerk in andere Disziplinen zu transportieren.

Er war auch der Erste, der einen Designpreis für seine Arbeit als Handwerker erhielt, von einer Agentur für Designer vertreten wird und der erste französische Glasbläser, der sein Handwerk im Fernsehen bekannt machen durfte. Auch wenn er sich in vielen Disziplinen wohl fühlt, so ist und bleibt er am Ende doch Handwerker: „Designer und Künstler haben tolle Ideen und Konzepte,“ sagt Jeremy. „Aber am Ende des Tages können sie die Produkte nicht selbst herstellen. Ich schon – mit meinen Händen!“


Für Jeremy ist die Arbeit mit heißem Glas wie ein kleines Fenster ins Universum, das ihm Antworten auf die großen Fragen des Lebens gibt. Ihm ist klar, dass das etwas merkwürdig und überhöht klingt. „Aber wenn ich in den Ofen schaue und das heiße, geschmolzene Glas sehe, beginnt eine Unterhaltung zwischen mir und diesem lebenden Material, das für mich der Ursprung so vieler Dinge ist. Wo gehen wir hin, was ist der Sinn unserer Taten, wieso drehen sich Planeten um andere Planeten?“ Und was antwortet das Glas? wollen wir wissen. „Meine Arbeiten sind die Antworten“, lacht der 36-Jährige.

Das sind zum Beispiel Wolken aus Glas, die von der Decke hängen und aussehen, als wären sie aus Baumwolle. Oder Mikroorganismen, aufgeblasen zu großen Objekten. Sehr oft drehen sich seine Werke um das Thema Raum. „Es gibt auf der Welt so unglaublich viel Raum - und dadurch auch Leere. Stellt man zwei Formen nebeneinander, kann man Raum und Leere definieren,“ erklärt der Handwerker. So haben seine Vasen sehr oft eine äußere und eine innere Hülle. Der Raum dazwischen ist Jeremys Spiel mit Raum und Leere.

Seine Inspiration zieht er auch aus der Natur. Anfänglich war seine Arbeit stark von der Kindheit in Afrika inspiriert. Seine Eltern waren Kunstsammler und die kunsthandwerklichen Objekte, mit denen Jeremy aufwuchs, hatten großen Einfluss auf ihn. „Ich drücke mich durch Handwerkstechniken aus. Es ist das Material und das Handwerk selbst, das mich inspiriert,“ sagt er.

Jeremy hat seinen Beruf nicht durch eine klassische Ausbildung erlernt. Er ist zu unterschiedlichen Glasbläsern gegangen und hat sie trotz fehlender Erfahrung davon überzeugt, ihn bei sich arbeiten zu lassen. „Für mich war das definitiv der beste Weg, denn ich wollte nicht erst zur Schule gehen und jahrelang warten, bis ich richtig loslegen kann. Handwerk funktioniert nur, wenn man es macht.“

Fast zehn Jahre lebte er in den USA von Gelegenheitsjobs, bis er eines Tages zufällig in einem Glas-Studio landete. Sofort wurde er in den Bann des Handwerks gezogen. Kurz darauf hatte er einen Autounfall mit langer Genesungsphase, in der er die Idee entwickelte, selbst Glasbläser zu werden. Jeremy arbeite in einigen amerikanischen Werkstätten, war ein Jahr lang „Artist in Residence“ an der Jacksonville University in Florida und arbeitete mit dem Meister-Glasbläser Davide Salvadore im italienischen Murano. 2007 entschloss er sich, wieder nach Frankreich zurückzukehren und die dortige Glasbläser-Szene aufzumischen. „Bis auf die großen Porzellanhersteller, gab es hier keine herausragenden Handwerker. Ist es nicht komisch, dass dir jeder fünf große Designer oder Künstler nennen kann aber keiner kennt auch nur einen erfolgreichen Handwerker? Vor 300 Jahren wusste jeder, wer der beste Handwerker des Landes ist.“ 

Sturheit und Hartnäckigkeit haben ihm geholfen, dort hinzukommen, wo er heute ist. „Und ein bisschen Naivität sicher auch,“ gibt er schmunzelnd zu. „Gerade bei großen Skulpturen hilft es, nicht darüber nachzudenken, was man da eigentlich gerade macht.“ Jeremy hat alles in seinem Leben seiner Liebe zum Handwerk untergeordnet. Das Glas kam immer an erster Stelle. „Immer wieder sage ich jungen Glasbläsern, sie müssen arbeiten und erschaffen, so viel sie können. Die Beurteilung ihrer Arbeit sollen sie der Gesellschaft überlassen.“ Und beim Arbeiten entsteht dann auch die Geschichte hinter den Werken, die Jeremy als so wichtig im Leben eines Schaffenden erachtet. Es entsteht eine intensive Beziehung zu den Objekten. „Designer denken sich oft im Nachhinein Geschichten zu ihren Objekten aus. Wir Handwerker haben das Glück, mit unseren Händen eine Sprache zu sprechen, die so viel erzählt. Und sie ist sogar älter als die gesprochene Sprache.“

Artikel im Jaguar Owners Club lesen

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